So einer war ich nicht

Ich habe den Eindruck, dass viele Autoren von sich sagen können, schon als Kind ständig Geschichten geschrieben zu haben, und dass sie sich eigentlich nie so recht vorstellen konnten, jemals etwas anderes als das zu tun. Solch ein Kind war ich nicht. Die Schreiberei war anfangs nicht meine Sache, und meine Zensuren in Deutsch motivierten mich auch nicht gerade, aus Buchstaben lohnenswerten Lesestoff zu machen. Bis meine Eltern den Grund meiner schreibenden Misserfolge gesucht und gefunden hatten. Damals sagten sie zu mir: "Andreas, versuch mal, beim Aufsatzschreiben folgerichtig zu denken." Da mir so ein Versuch weniger nervenaufreibend vorkam, als ihnen weiterhin verpatzte Zensuren aufzutischen, ließ ich mich darauf ein. Und siehe da, an ihrem Vorschlag war tatsächlich was dran. Mit der Qualität meiner Schreiberei ging es bergauf. Und zwar so weit, dass mir das einst so verhasste Fach Deutsch Spaß machte wie kein anderes. - Aber das war noch lange kein Grund, mein ganzes Leben mit Schreiberei zu verbringen.

 

Was mich viel mehr interessierte, waren Menschen. Irgendwann fand ich heraus, dass mich vor allem die interessierten, die ganz anders waren, als ich es war. Am neugierigsten machten mich solche Andersartigen, die durch ihre Art weit nach oben gekommen oder auch tief ins gesellschaftliche Abseits gerutscht waren. Ich wollte wissen, was an solchen Menschen anders war. 

 

Um das zu erfahren, musste ich mich mit ihnen beschäftigen. Am besten würde es sein, so dachte ich mir, ihnen zu begegnen, mich mit ihnen zu unterhalten, ihnen zuzuhören. Aber das war viel leichter gesagt als getan, denn diesbezüglich hatte ich ein Problem, und mir blieb nichts anderes übrig, als dieses Problem auf den Namen Vorurteil zu taufen. Denn die da oben, die waren doch garantiert viel zu unnahbar, wenn nicht gar arrogant, um ihnen nahe zu kommen. Ja, und an den Abgestürzten klebten doch lauter Makel, die nach intensiverer Begegnung womöglich auch an mir kleben würden! Mein Glück war, dass ich solche Vorurteile mochte wie der Rosenzüchter die Blattlaus. Also musste ich etwas dagegen unternehmen.

 

Ich brauchte ein paar Jahre, um genau das richtige Insektizid zu finden und fand es schließlich in einer journalistischen Ausbildung. Dieser Beruf würde die schlagkräftige Keule sein, mit der ich gegen meine Vorurteile angehen konnte. Da war ich mir ganz sicher. Warum? Weil ich mir sagte: Als Journalist bin ich gezwungen, mich ein Leben lang - zumindest temporär - auch mit Leuten zu befassen, um die ich privat einen Bogen machen würde. Entweder, weil sie mir zu weit oben oder zu weit unten angesiedelt waren. Durch intensive Begegnung und Gespräch, so glaubte ich, würde ich Überraschungen erleben, die mir helfen würden, zumindest ein paar meiner verteufelten Vorurteile loszuwerden.

 

Meine Rechnung ging auf. Seit vielen Jahren gehe ich so gut wie keiner Begegnung aus dem Weg. Bald war es zu einer Lust geworden, mich mit Ministern, Schauspielern, Bischöfen bis hin zu Inhaftierten und Prostituierten an einen Tisch zu setzen. Dadurch bin ich leider nicht vorurteilsfrei geworden, aber immerhin so frei zu behaupten, dass selbst die fremdesten Kreaturen in ihrem Menschsein etwas sehr Vertrautes haben.

 

Meine Vergangenheit in einem Absatz

Geboren 1956 in Cloppenburg, seit 1986 als Redakteur bei verschiedenen Verlagen tätig, seit 2002 freier Journalist, Texter, Autor, Ghostwriter, Dozent an der Frauen:Fachakademie Schloss Mondsee (Oberösterreich), Dozent für Schreibseminare der Alumni-Clubs an der Universität Klagenfurt (Kärnten), an der Fachhochschule Salzburg und in Unternehmen. Bücher: Verborgene Blicke (2004), Totgeliebt (2007), Till Türmer und die Angst vor dem Tod (2016).

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© Andreas Klaene